Drang nach Draußen – 30 Jahre Frankfurter GrünGürtel

Hommage an eine rurbane Landschaft in Zeiten der Corona-Pandemie

Die Stadt Frankfurt am Main feiert dieses Jahr das 30. Jubiläum des dritten GrünGürtels. Unter dem Titel »Die Stadt und das Grün« gehen drei Sonderausstellungen im Historischen Museum Frankfurt (24. März 2021 bis 24. Oktober 2021) dem wechselhaften Verhältnis von Stadt, Landschaft und Natur im Spiegel von Gestaltung und Nutzung nach. Der Beitrag nimmt die differenzierten Arbeiten von Mitgliedern des Werkbunds zur Gestaltung der Stadtlandschaft zum Anlass, die Herstellung von Naturbildern im Medium der Landschaft zu reflektieren.

Stadt und Land als polare Bezugspunkte

Jeder apokalyptische Katastrophenfilm führt an einer bestimmten Stelle an diesen einen Punkt: Die Menschen fliehen aus der Stadt aufs Land – mal vor einem Virus (Carriers), Zombies (28 Days Later) oder einer nicht genauer bestimmbaren Bedrohung (The Happening). Das Movens der Stadtflucht ist eindeutig: Es ist die Enge, der soziale Stress, potenziert durch kollektive Panik und Plünderungen, vor der die Protagonist*innen neben der ursächlichen Bedrohung das Weite suchen. Im Gegensatz zum aktuell äußerst populären Genrefilm, der das Landleben romantisch verklärt, indem er die Einlösung oder das Scheitern der Vorstellung eines guten Lebens auf dem Land in Gemeinschaft und Natur thematisiert, steht beim Katastrophenfilm nicht die geglückte Integration des Stadtmenschen in sein neues Habitat im Vordergrund. Es sind vielmehr die existenzielle Unsicherheit und die mit der Stadtflucht verbundene Hoffnung der körperlichen Unversehrtheit, die den selbstverständlichen Zugriff auf das Land als ›das Andere‹ der Stadt legitimieren. Gemein ist beiden Szenarien, dass sich das tradierte Freiheitsversprechen der Stadt in sein Gegenteil verkehrt; nicht die soziale Dichte und Umfriedung der Stadt, sondern die Offenheit der ›freien‘ Landschaft weist einen Ausweg aus individueller wie kollektiver Unsicherheit. Bereits 1919 nach Krieg und Verwüstung postulierte Leberecht Migge in seinem »Grünen Manifest«: »Wer rettet die Stadt? Das Land rettet die Stadt.«

Autobahnbrücke A648 am Frankfurter Westkreuz in Frankfurt-Sossenheim<br/>Foto: © Oliver Müller
Autobahnbrücke A648 am Frankfurter Westkreuz in Frankfurt-Sossenheim
Foto: © Oliver Müller

Hybride Zusammenhänge zwischen Stadt und Land

In beiden kulturellen Rahmungen – die Dystopie der Stadt vs. die Utopie des Landes – drückt sich eine spannungsreiche Stadt-Land-Beziehung aus, die das Land wie die Stadt als Imaginations-, Projektions- und Handlungsraum hervorbringt. Nun unterwandert der Frankfurter GrünGürtel jede schematische Trennung in Stadt/Land und es ließe sich trefflich darüber streiten, ob es den GrünGürtel, für den sich diese Aussage reklamieren ließe, aufgrund seiner Heterogenität und Fragmentierung überhaupt gibt. Vielmehr steht der GrünGürtel hier exemplarisch für jenen Raumtyp, dessen politische, ökonomische und kulturelle Gemengelage hybride Raumzusammenhänge zwischen Stadt und Land sichtbar macht. Wir kennen dieses Phänomen aus der eigenen sinnlichen Erfahrung, wenn wir nicht sagen können, an was für einem Ort – ob Stadt, ob Land – wir uns denn eigentlich befinden. Die Wissenschaft versucht dieser verflüssigten Raumgrenzen mit einer Vielzahl von Konzepten zu begegnen: Begriffe wie »Zwischenstadt«, »Patchwork-Landschaften« und »StadtLandschaften« zeigen Versuche an, die neuen räumlichen Zusammenhänge jenseits starrer Kategorien von Stadt und Land zu beschreiben. Derzeit ist die Bezeichnung »rurbane« Landschaft en vogue, verspricht der Begriff doch die Auflösung fester Raumgrenzen zugunsten der Verschränkung »rurbaner« Raumstrukturen, Bilder und Projektionen. Mit dem »Rurbanen« bezeichnet die Landschaftsarchitektin Sigrun Langner die ökonomischen, kulturellen, politischen und ökologischen Beziehungen sowie gegenseitigen Bezugnahmen zwischen Stadt und Land; das Rurale im Urbanen und umgekehrt. Das rurale Imaginativ gibt in dieser Beziehung meist Auskunft über Bedürfnisse und Korrektivvorstellungen hinsichtlich einer als problematisch oder krisenhaft erlebten urbanen Realität.

Sossenheimer Unterfeld mit Blick auf den Vordertaunus<br/>Foto: © Oliver Müller
Sossenheimer Unterfeld mit Blick auf den Vordertaunus
Foto: © Oliver Müller

Die rurbane Landschaft des GrünGürtels

Diese Überlegungen zur »Rurbanität« des GrünGürtels bieten für die nachfolgenden Betrachtungen zu dessen Aneignung in Zeiten der Corona-Pandemie zahlreiche Anknüpfungspunkte. Denn die Alltagsroutinen der Frankfurter*innen erfuhren im Kontext der Pandemie eine tiefgreifende Störung. In gleichem Maße wandelten sich auch die lebensweltlichen Wahrnehmungen und handlungsleitenden Bilder des GrünGürtels. Neben die bis zu diesem Zeitpunkt offenkundigen Anforderungen als Ort der Freizeitgestaltung und der Erholung, traten von nun an auch ein Schutzbedürfnis und die Suche nach sozial-räumlicher Dispersion. In dessen Folge wurden die peripheren Stadtlandschaften – und hier besonders die rurbane Transitzone des GrünGürtels – von den Frankfurter*innen als Ausweg aus den pandemiebedingten Zumutungen der Großstadt genutzt. So auch von mir in einer Art Selbstversuch, indem ich meine Wahrnehmungen und Beobachtungen beim Aufsuchen des westlichen GrünGürtels zwischen Rödelheim und Nied während mehrerer Wochen im Frühjahr 2020 dokumentierte.

Nun mag man einwenden, und andere wie Dieter Hoffmann-Axthelm haben das bereits hervorgehoben, dass es sich bei der Stadtflucht im Urbanisierungsprozess nicht um ein gänzlich neuartiges Phänomen handelt. Spätestens mit der Romantik setzte eine bürgerliche Sehnsucht nach der vermeintlichen Natürlichkeit und moralischen Superiorität des Landes als Kompensat und Korrektiv im Zivilisationsprozess ein. Allerdings war mit dieser Ideologisierung des Landes auch ein Bedarf an »Landschaftsbildlichkeit« verbunden, die eine ästhetische Eroberung des Landes als Natur überhaupt erst ermöglichte. Der klassische Landschaftspark steht bis heute Pate für den idealisierenden landschaftlichen Blick des bürgerlichen Subjekts, der in ›begehbaren‹ räumlichen Bildern ein harmonisches Mensch-Natur-Verhältnis zu erkennen glaubt.

Davon geprägt sind natürlich auch die städtebaulichen Leitbilder des frühen 20. Jahrhunderts, die von dem Versuch zeugen, das Verhältnis von Stadt, Land und Natur grundlegend neu zu bestimmen. Obschon auch arkadische Sehnsuchtsbilder und konservative Zivilisationskritik Eingang in die Gestaltung des GrünGürtels gefunden haben, taugt er als Übergang zwischen einer Stadt, die Land, sowie einem Land, das Stadt sein will allenfalls punktuell als Projektionsfläche eines harmonischen Idylls: »Wie Oasen […] nimmt das städtisch-romantische geschulte Auge nur die aus dem profitablen Rahmen herausgefallenen Reste der alten bäuerlichen Kultur als eigentliche Landschaft wahr«, so die Landschaftsarchitektin Brigitte Wormbs im Jahr 1991 in der Begleitpublikation »Vision offener Grünräume. GrünGürtel Frankfurt«. Zu sehr unterläuft der fragmentierte und von technischen Artefakten zerschnittene GrünGürtel jene idealisierenden Seherwartungen, die eine Versöhnung von Kultur und Natur zu erkennen versuchen. Wenn es aber nicht mehr der ästhetizistische Genuss einer romantischen Landschaftsbildlichkeit ist, was suchen die Stadtflüchtigen in den Peripherien?

Eigensinnige Aneignungen der stadtländischen Ausbreitungszone

Was im Frühjahr 2020 während der Corona-Pandemie entlang des westlichen GrünGürtels zeigte, war Ausdruck eines neuartigen alltagspraktischen Umgangs mit diesem Lebensraum, der den Stadtmenschen in der Brüchigkeit einer ›zweiten Natur‹ als Habitat gereichte. An sonnigen Tagen konnte man wie unter einem Brennglas beobachten, wie noch die kleinsten Fugen, Nischen und Lücken von menschlichen Lebensformen besiedelt wurden. Hierbei handelte es sich häufig um jene Orte, die in der fragmentierten Aneinanderreihung des Zufälligen keine erklärende Verbindung zu ihrer Umgebung mehr aufwiesen. Dazu zählten unter anderem: die Überflutungsmauer an der Nidda am Mühlgraben, die Einfassungsmauer des Tosbeckens am Sossenheimer Wehr sowie die Tragekonstruktionen der Autobahnbrücke der A648 am Frankfurter Westkreuz.

Interessanterweise entzündeten sich diese eigensinnigen Aneignungen gerade an solchen Orten, die über ihre funktionale Vereinseitigung hinaus nichts zu bedeuten schienen. Als Verkehrsbauten im weitesteten Sinne entspringen sie einem Zweckmäßigkeitsdenken, in dessen Zentrum nach Roland Barthes »die Ausbreitung unserer Willenssphäre über den Raum“ steht und die in ihrer Ästhetik des technisch Erhabenen die Beherrschung von innerer wie äußerer Natur symbolisieren. Es steht zu vermuten, dass es gerade diese ästhetischen ›Überschüsse‹ sind, die während der Corona-Pandemie ihre Affizierungspotentiale entfalteten und die Nutzer*innen zu deren bewohnender Aneignung bewegten. Denn, was sich gleichsam vollzog, war die paradoxe Umkehrung des Idylls in sein Anti-Idyll: die Freiraum suchenden Großstädter*innen erzeugten ein Gedränge auf den Uferwegen, das der Enge einer Liegewiese eines bekannten Frankfurter Freibads an heißen Hochsommertagen in nichts nachstand. Am Beispiel der Autobahnbrücke zeigt sich, wie ein Raum, der aufgrund seiner Größe und Gestalt jegliches menschliche Maß vermissen lässt und in der Regel Gefühle der Beengung – schon aufgrund der extrem niedrigen Durchfahrtshöhe von 1.75 m – hervorrufen dürfte, von Isolation suchenden Menschen aufgesucht und als Verweilort genutzt wurde. Auf der Suche nach sozial-räumlicher Distanzierung flochten die Nutzer*innen diese Orte in ihre lebenspraktischen Handlungs- und Orientierungsmustern ein.

S-Bahn Brücke über die Nidda in Frankfurt-Rödelheim<br/>Foto: © Oliver Müller
S-Bahn Brücke über die Nidda in Frankfurt-Rödelheim
Foto: © Oliver Müller

In Unkenntnis der raumerzeugenden Bilder und Projektionen der Nutzenden stellt sich an diesen Orten mit Nachdruck die Frage nach ihrer Lesbarkeit. Sie sind erklärungsbedürftig, denn als nicht ästhetisch gemeinte im landschaftsbildlichen Sinne, und im Gegensatz zu intentional gestalteten Landschaften und Parks, gibt es kein ästhetisches Programm, das ihre Bedeutung in Bahnen lenkt. Als vernachlässigte Resträume und Überbleibsel der Planung, die Lucius Burckhardt als metaphorische Brachen, als »Zone der nicht-logischen Anordnung von Einzelheiten in der neuen stadtländischen Ausbreitungszone« beschreibt, lassen sie uns bei der Interpretation des Gesehenen im Stich. Sie erfordern vielmehr dessen kreative Deutung. Dabei entwerfen die Nutzer*innen Gebrauchs-Bilder, Hoffnungen und Ansprüche an die im selben Atemzug ge- und erlebten Räume – und das ohne Leitbild, bzw. ohne vorab in langwierigen Planungsverfahren mit partizipativem Anstrich danach gefragt worden zu sein. Die Landschaftsarchitektur folgte lange Zeit dem Kredo, dass eine gestaltete Landschaft die Grundlage für Naturerleben ist, in dem Sinne, dass Natur sich nicht selbst repräsentieren kann, sondern der Darstellung bedarf und als solche erkennbar zu sein. Diese Haltung zeigt sich nicht zuletzt an einer Vielzahl von Beschilderungen, Themen- und Schautafeln, kunstvoll gestalteten Sitzgelegenheiten und zu Land Art arrangierter materieller Natur. Wie die äußere Natur, so wandeln sich aber auch gesellschaftlich hergestellte Natur-Bilder. Was also, wenn die Nutzenden ihre eigenen Bilder mit in die Landschaft gebracht haben und diese mit Versatzstücken des Vorgefunden in einer Art Bricolage neu zusammensetzen?

Tosbecken am Sossenheimer Wehr -  Sehnsucht nach der menschenlosen Wildnis?<br/>Foto: © Oliver Müller
Tosbecken am Sossenheimer Wehr - Sehnsucht nach der menschenlosen Wildnis?
Foto: © Oliver Müller

In den differenzierten Aneignungsweisen artikulieren und modifizieren die Nutzer*innen vieldeutige Raumbilder des GrünGürtels als Übergang zwischen Stadt, Land und Natur, so die These des Beitrags. Im Jahr 1991 schrieb der Soziologe Walter Prigge über den GrünGürtel, er sei »Produkt und Medium der Veränderung des Verhältnisses von Mensch und Natur in der Stadt«. Grundsätzlich ließe sich diese Aussage auch für die Gartenlaube, den Vorgarten, aber eben auch für die Einfassungsmauer und die Autobahnbrücke reklamieren. Die von technischen Artefakten verstellte Landschaft unterläuft jeden Versuch der Ästhetisierung einer äußeren Natur, deren bildhafte Aneignung die Vorstellung einer harmonischen Beziehung von Stadt, Land und Natur vermittelt. Weder Stadt, noch Land navigieren die Stadtflüchtigen durch die Transitzone des GrünGürtels und beantworten en passant die Frage nach deren bedeutungsvollen Aneignungsmöglichkeiten. Die Ästhetik des technisch Erhabenen – so scheint es zumindest auf den ersten Blick – fordert ein Gewahrwerden und Nachdenken über die eigene innere Natur im Spiegel räumlicher Lebensverhältnisse heraus. Es scheint als kämen die Zuflucht suchenden Städter*innen im Medium des technisch Erhabenen zu sich selbst. Dies setzt jedoch eine kontemplative Abwendung von den alltäglichen Denk- und Handmustern voraus, in der die Verletzlichkeit der (eigenen) inneren Natur denkwürdig und erfahrbar wird.

Brückenpfeiler Westkreuz - Sich selbst begegnen im Medium des technisch Erhabenen?<br/>Foto: © Oliver Müller
Brückenpfeiler Westkreuz - Sich selbst begegnen im Medium des technisch Erhabenen?
Foto: © Oliver Müller

Es bleibt zu hoffen, dass dieser stark individualisierte Umgang mit der Landschaft des GrünGürtels im Jahr seines Jubiläums in einem Nachdenken über die Möglichkeiten des gemeinschaftlichen Gebrauchs mündet. Denn als Kulturlandschaft ist der Frankfurter GrünGürtel in erster Linie ein gemeinsam geteilter Raum, in dem alle die in ihm leben, ungeachtet ihrer Partikularinteressen, auf die ein oder andere Weise zusammengehören.


Der Beitrag ist die redigierte Fassung eines Artikels im Begleitkatalog zur Ausstellung »Die Stadt und das Grün – Frankfurter Gartenlust«, 25. März bis 29. August 2021 im Historischen Museum Frankfurt.


Literatur

  • Lucius Burckhardt: Landschaft ist transitorisch, in: Markus Ritter & Martin Schmitz (Hg.): Warum ist Landschaft schön? Die Spaziergangswissenschaft, Berlin 2006, S. 90–113.
  • Dieter Hoffmann-Axthelm: Peripherien, in: Walter Prigge (Hg.): Peripherie ist überall. Frankfurt/Main und New York 1998, S. 112–119.
  • Sigrun Langner: Rurbane Landschaften. Landschaftsentwürfe als Projektionen produktiver Stadt-Land-Verschränkungen, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, 48, 2016, S. 41–46.
  • Leberecht Migge: Das grüne Manifest, in: Christoph Mohr & Michael Müller (Hg.): Funktionalität und Moderne. Das neue Frankfurt und seine Bauten 1925–199. Köln 1987, S. 33.
  • Walter Prigge: Übergänge, in: Tom Koenigs (Hg.): Vision offener Grünräume. Frankfurt/Main und New York 1991, S. 173–178.
  • Brigitte Wormbs: Aus dem Palmengarten in die Wetterau, in: Tom Koenigs (Hg.): Vision offener Grünräume. Frankfurt/Main und New York 1991, S. 25–30.
Impressum Datenschutz
Diese Website nutzt Cookies, um Ihnen eine gute Erfahrung zu bieten.

Dazu gehören wesentliche Cookies, die für den Betrieb der Website erforderlich sind, sowie andere, die nur für anonyme statistische Zwecke, für Komforteinstellungen oder zur Anzeige personalisierter Inhalte verwendet werden. Sie können selbst entscheiden, welche Kategorien Sie zulassen möchten.

Datenschutz Impressum
Diese Website nutzt Cookies, um Ihnen eine gute Erfahrung zu bieten.

Dazu gehören wesentliche Cookies, die für den Betrieb der Website erforderlich sind, sowie andere, die nur für anonyme statistische Zwecke, für Komforteinstellungen oder zur Anzeige personalisierter Inhalte verwendet werden. Sie können selbst entscheiden, welche Kategorien Sie zulassen möchten.

Datenschutz Impressum
Ihre Cookie-Einstellungen wurden gespeichert.